Kennen Sie Ihren Homocystein-Wert?
Ein tiefer Blick in Ihre Zellbiochemie und Prävention
In meiner Praxis für Osteopathie und funktionelle Medizin betrachte ich den Körper als ein fein abgestimmtes Uhrwerk. Damit die großen Strukturen – Ihre Nerven, Gelenke, Muskeln und Faszien – schmerzfrei funktionieren können, muss die Mikrobiochemie in den Zellen stimmen. Ein zentraler Schlüsselwert, der uns tiefen Einblick in diese inneren Abläufe gewährt, ist das Homocystein.
Die Biochemie: Was passiert in Ihren Zellen?
Homocystein ist eine natürliche, schwefelhaltige Aminosäure, die bei der Verwertung von Eiweiß im Körper entsteht. Es ist ein unvermeidbares Zwischenprodukt beim Abbau der essenziellen Aminosäure Methionin, die wir über die Nahrung (z. B. Fleisch, Fisch, Eier) aufnehmen.
In einem optimal regulierten Stoffwechsel verweilt Homocystein nicht lange im Blut. Es steht an einer entscheidenden Weggabelung und wird über zwei Hauptwege sofort weiterverarbeitet:
1. Die Remethylierung (Recycling)
Mithilfe von Vitamin B_{12} und Folsäure (B_{9}) wird Homocystein wieder zurück in Methionin umgewandelt. Dieser Prozess ist essenziell für die Bereitstellung von S-Adenosylmethionin (SAM), dem wichtigsten Methylgruppen-Donator. Dieser wirkt wie ein „Dimmschalter“ für Ihre Gene (Epigenetik) und entscheidet darüber, welche Erbinformationen abgelesen oder stummgeschaltet werden (Fenech, 2011).
2. Die Transsulfurierung (Abbau)
Unter Einsatz von Vitamin B_{6} wird Homocystein zu Cystein umgebaut. Dies ist die Vorstufe für Glutathion, das stärkste körpereigene Antioxidans, welches Ihre Leber zur Entgiftung und Ihre Zellen zum Schutz vor freien Radikalen benötigen (Townsend et al., 2003).
Symptome im Alltag: Wenn der Stoffwechsel stockt
Ein erhöhter Homocystein-Spiegel (Hyperhomocysteinämie) verursacht meist keine akuten Schmerzen, äußert sich aber oft in subtilen Symptomen, die auf eine eingeschränkte Zellregeneration hindeuten:
- Anhaltende Müdigkeit und verminderte Belastbarkeit.
- Konzentrationsstörungen („Brain Fog“).
- Längere Erholungsphasen nach sportlicher Betätigung oder Verletzungen.
- Wiederkehrende muskuläre Verspannungen, die auf klassische Behandlung nur kurzzeitig ansprechen.
Warum ein erhöhter Spiegel zum Risiko wird
In der funktionellen Labordiagnostik betrachten wir Werte über 10 µmol/l bereits als kritisch, da Homocystein ab dieser Konzentration beginnt, das Gewebe und die Gefäße zu „reizen“ (Perna et al., 2003). Die medizinischen Folgen eines dauerhaft erhöhten Spiegels sind weitreichend:
- Gefäßschäden & Herz-Kreislauf: Homocystein löst oxidativen Stress in den Endothelien (Gefäßinnenwänden) aus. Dies fördert die Oxidation von LDL-Cholesterin, was zur Bildung von Plaques (Arteriosklerose) und einer erhöhten Gerinnungsneigung führt (Perna et al., 2003).
- Neurotoxizität: Das Nervengewebe reagiert besonders empfindlich. Erhöhte Werte fördern degenerative Prozesse im Gehirn, weshalb ein enger Zusammenhang mit Demenz und Morbus Alzheimer besteht (Smith & Refsum, 2016).
- Beeinträchtigung der DNA-Reparatur: Ein Mangel an Methylgruppen führt dazu, dass Schäden am Erbgut schlechter repariert werden können, was langfristig das Risiko für chronische Erkrankungen erhöht (Fenech, 2011).
- Schwangerschaft: Ein stabiler Homocystein-Stoffwechsel ist entscheidend für die Entwicklung des ungeborenen Kindes; erhöhte Werte werden mit Neuralrohrdefekten assoziiert (Obeid et al., 2013).
Die Brücke zur Osteopathie: Warum Gewebe Biochemie braucht
Als Osteopathin sehe ich den untrennbaren Zusammenhang zwischen Stoffwechsel und Struktur. Ein chronisch erhöhter Homocystein-Wert kann die Regenerationsfähigkeit von Nerven, Bindegewebe und Faszien einschränken.
Wenn wir manuell an der Beweglichkeit arbeiten, setzen wir Heilungsimpulse. Damit diese aber nachhaltig wirken können, benötigt der Körper die biochemische Basis: Eine Umgebung mit wenig oxidativem Stress und funktionierender Zellreparatur. Die Optimierung des Homocysteins auf einen Idealwert von ca. 7 µmol/l sorgt dafür, dass Ihr Gewebe belastbarer und weniger schmerzanfällig wird.
Funktionelle Labordiagnostik: Das große Ganze
Ein einzelner Homocystein-Wert ist ein wichtiger Indikator, bedarf aber immer einer Einbettung in eine ganzheitliche Analyse:
- Vitamine B_{12}, B_{9}, B_{6}, B_{2}: Zur Prüfung der „Recycling-Maschinen“.
- Nierenfunktion: Da die Niere eine zentrale Schaltstelle im Homocystein-Abbau darstellt (Friedman et al., 2001).
Praxistipp: Um ein valides Ergebnis zu erhalten, müssen Sie 12 Stunden vor der Blutabnahme nüchtern bleiben. Nur so können wir Ihren individuellen Basis-Stoffwechsel präzise beurteilen.
Literaturverzeichnis
Fenech, M. (2011). Dietary reference values of individual micronutrients and substances required for optimal DNA repair and genetic stability. Mutation Research/Fundamental and Molecular Mechanisms of Mutagenesis, 711(1–2), 192–201. https://doi.org/10.1016/j.mrfmmm.2010.12.007
Friedman, A. N., Bostom, A. G., Selhub, J., Levey, A. S., & Rosenberg, I. H. (2001). The kidney and homocysteine metabolism. Journal of the American Society of Nephrology, 12(12), 2842–2852. https://doi.org/10.1681/ASN.V12122842
Obeid, R., Koletzko, B., & Pietrzik, K. (2013). Critical evaluation of dosage and pyridoxine (vitamin B_{6}) content of vitamin supplements for the prevention of neural tube defects. Medical Journal of Nutrition and Metabolism, 6(1), 1–7.
Perna, A. F., Ingrosso, D., & De Santo, N. G. (2003). Homocysteine and oxidative stress. Molecular Genetics and Metabolism, 78(3), 170–181. https://doi.org/10.1016/S1096-7192(03)00007-X
Smith, A. D., & Refsum, H. (2016). Homocysteine, B Vitamins, and Cognitive Impairment. Annual Review of Nutrition, 36, 211–239. https://doi.org/10.1146/annurev-nutr-071715-050947
Townsend, D. M., Tew, K. D., & Tapiero, H. (2003). Sulfur containing amino acids and human disease. Biomedicine & Pharmacotherapy, 57(3–4), 145–155. https://doi.org/10.1016/S0753-3322(03)00035-1
Über die Autorin
Alexandra Buchmann ist Heilpraktikerin und spezialisiert auf funktionelle Medizin und Osteopathie. In ihrer Praxis in Wentorf begleitet sie Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Lebensqualität.
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