Wenn den Zellen die Energie ausgeht
Mitochondrien, Erschöpfung und der stille Dialog zwischen Körper, Nervensystem und Psyche
Viele meiner Patientinnen und Patienten kommen mit einem Gefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt: eine tiefe, anhaltende Erschöpfung, die sich weder durch Schlaf noch durch „Urlaub“ wirklich bessert. Oft berichten sie von innerer Leere, verminderter Belastbarkeit, Konzentrationsproblemen, Antriebslosigkeit oder dem Eindruck, dass selbst kleine Alltagsanforderungen zu viel Energie kosten. Nicht selten kommen Schlafstörungen, emotionale Instabilität oder eine erhöhte Infektanfälligkeit hinzu.
Auffällig ist dabei häufig, dass klassische schulmedizinische Untersuchungen keine eindeutigen Ursachen zeigen. Standard-Blutwerte gelten als „unauffällig“, strukturelle Erkrankungen sind ausgeschlossen und dennoch bleibt das subjektive Erleben von Erschöpfung real und belastend. Genau an diesem Punkt lohnt sich ein Blick auf eine Ebene, die lange wenig Beachtung gefunden hat: die Mitochondrien.
Mitochondrien
Grundlage unserer Lebensenergie
Mitochondrien sind die Energiekraftwerke unserer Zellen. In ihnen entsteht Adenosintriphosphat (ATP), die universelle Energieeinheit, die nahezu alle biologischen Prozesse antreibt. Besonders energieabhängig sind Gewebe und Systeme mit hoher Stoffwechselaktivität:
- das Gehirn
- das Nervensystem
- die Muskulatur
- das Herz
- das Immunsystem
- hormonelle Regelkreise
Doch Mitochondrien sind weit mehr als reine „Energielieferanten“. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Regulation des programmierten Zelltods (Apoptose), der intrazellulären Calciumhomöostase, der Redox-Balance und der Immunantwort. Sie sind damit entscheidende Schnittstellen zwischen Stoffwechsel, Nervensystem, Immunsystem und hormoneller Regulation.
Gerät die mitochondriale Funktion aus dem Gleichgewicht, wirkt sich das nicht lokal, sondern systemisch aus, häufig schleichend und lange bevor manifeste Erkrankungen entstehen. Genau hier setzt das Verständnis der mitochondrialen Dysfunktion, auch als Mitochondropathie bezeichnet, an.
Erschöpfung und mitochondriale Dysfunktion
ein enger Zusammenhang
Beim Erschöpfungssyndrom, unabhängig davon, ob es stressassoziiert, postinfektiös oder multifaktoriell bedingt ist, zeigen sich häufig funktionelle Veränderungen auf mitochondrialer Ebene. Dazu gehören eine verminderte ATP-Produktion, eine erhöhte oxidative Belastung, Störungen in der Fettsäure- und Glukoseverwertung sowie eine vermehrte Aktivierung entzündlicher Signalwege.
Chronischer Stress spielt hierbei eine zentrale Rolle. Über die Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse) kommt es zu einer anhaltenden Ausschüttung von Cortisol und Katecholaminen. Diese Stresshormone beeinflussen nicht nur den Schlaf, die Stimmung und das Immunsystem, sondern wirken direkt auf die Mitochondrien: Sie erhöhen den oxidativen Stress, verändern die mitochondriale Dynamik und können langfristig die Energieproduktion beeinträchtigen.
Studien aus der Psychoneuroimmunologie zeigen, dass psychosozialer Stress mit messbaren Veränderungen der mitochondrialen Funktion assoziiert ist, insbesondere über inflammatorische Zytokine und oxidativen Stress (Picard et al., 2018). Erschöpfung ist damit nicht nur ein subjektives Erleben, sondern Ausdruck einer komplexen biologischen Anpassung an chronische Belastung.
Pathogenese
ein Zusammenspiel vieler Faktoren
Mitochondriale Dysfunktionen entstehen selten durch eine einzelne Ursache. In der Praxis zeigt sich vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Belastungsfaktoren, die sich gegenseitig verstärken.
Dazu zählen:
- chronischer psychischer Stress
- physischer Stress
- Infektionen, insbesondere postvirale Verläufe
- toxische Belastungen
- Mikronährstoffmängel
- eine Dysregulation des autonomen Nervensystems
- chronische, niedriggradige Entzündungsprozesse im Sinne einer sogenannten silent inflammation
Aus Sicht der Psychoneuroimmunologie ist besonders relevant, dass emotionale Belastungen und Stress nicht nur „psychisch“ verarbeitet werden, sondern über neuroendokrine und immunologische Signalwege direkt bis auf die zelluläre Ebene wirken. Die Mitochondrien reagieren dabei sensibel auf das innere und äußere Milieu – auf Entzündungen ebenso wie auf hormonelle Dysbalancen oder eine anhaltende sympathische Überaktivierung.
Funktionelle Labordiagnostik
Ursachen sichtbar machen
Eine fundierte Diagnostik ist ein zentraler Bestandteil der therapeutischen Begleitung von Erschöpfung.
Neben der schulmedizinischen Basisdiagnostik kommen spezialisierte Laboruntersuchungen zum Einsatz, um funktionelle Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Im Fokus stehen dabei mitochondrienassoziierte Parameter wie:
- Coenzym Q10
- freies und gesamtes Carnitin
- organische Säuren
- der Lactat-Pyruvat-Quotient
Ergänzend werden Marker für oxidative Belastung und Entzündung betrachtet, darunter hs-CRP, funktionell interpretierte Ferritinwerte sowie – je nach Fragestellung – inflammatorische Zytokine.
Auch die Stress- und Hormonregulation spielt eine wichtige Rolle. Ein Cortisol-Tagesprofil kann Hinweise auf eine Dysregulation der HPA-Achse geben. Darüber hinaus ist die Beurteilung des individuellen Nährstoffstatus essenziell, insbesondere von Magnesium (intrazellulär), B-Vitaminen, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren.
Entscheidend ist dabei nicht der isolierte Laborwert, sondern die funktionelle Interpretation im Zusammenhang mit Symptomatik, Lebenssituation und der aktuellen Regulationsfähigkeit des Nervensystems.
Nährstofftherapie
gezielte Unterstützung der Zellenergie
Eine individuell abgestimmte Nährstofftherapie kann mitochondriale Prozesse gezielt unterstützen und regenerative Prozesse fördern. Zu den häufig eingesetzten Substanzen gehören Coenzym Q10, Acetyl-L-Carnitin, Riboflavin (Vitamin B2), Niacin (Vitamin B3), Magnesium, Alpha-Liponsäure sowie Omega-3-Fettsäuren.
Diese Mikronährstoffe sind an zentralen Schritten der mitochondrialen Energiegewinnung beteiligt, wirken antioxidativ und können entzündliche Prozesse modulieren. Gleichzeitig ist Zurückhaltung wichtig: Nicht jede Erschöpfung profitiert von hohen Dosierungen oder umfangreichen Supplement-Kombinationen. Entscheidend ist eine therapeutische Strategie, die den aktuellen Zustand des Nervensystems berücksichtigt und Überforderung vermeidet.
Ergänzend zur Nährstofftherapie spielen weitere regulative Therapieansätze eine Rolle. Ziel ist es nicht, Mitochondrien „anzutreiben“, sondern die Bedingungen zu verbessern, unter denen sie effizient arbeiten können. Dazu zählen unter anderem die Reduktion oxidativer Belastung, die Unterstützung der zellulären Redox-Balance sowie die Entlastung entzündlicher Signalwege.
Studien zeigen, dass ausgewählte Mikronährstoffe sowohl die mitochondriale Funktion als auch subjektive Erschöpfungssymptome positiv beeinflussen können (Gvozdjáková et al., 2015).
Bewegung, Sauerstoff und mitochondriale Anpassung
Mitochondrien reagieren sensibel auf physiologische Reize wie Bewegung, Sauerstoffverfügbarkeit und Durchblutung. Sanft dosierte, regulative Bewegungsformen können die mitochondriale Anpassungsfähigkeit fördern, während Überlastung bei Erschöpfungssyndromen kontraproduktiv wirken kann.
Auch eine eingeschränkte Atemmechanik, reduzierte Mikrozirkulation oder chronische Spannungsmuster können die zelluläre Energiegewinnung indirekt beeinträchtigen. Therapeutische Ansätze, die Atmung, Durchblutung und Gewebeversorgung verbessern, unterstützen damit nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch die mitochondriale Effizienz.
Osteopathie
Regulation auf körperlicher Ebene
Als Osteopathin betrachte ich Erschöpfung nicht ausschließlich biochemisch. Blockaden sind Stress für unseren Körper.
Spannungsmuster im faszialen System, Einschränkungen der Zwerchfellbeweglichkeit, viszerale Dysfunktionen oder kraniosakrale Spannungen können die autonome Regulation, die Durchblutung und den lymphatischen Abfluss beeinflussen.
Sanfte osteopathische Impulse können das parasympathische Nervensystem aktivieren, die vagale Regulation fördern und Blockaden nachhaltig lösen und damit Voraussetzungen für Regeneration schaffen. Gerade bei chronischer Erschöpfung steht dabei nicht die „Korrektur“, sondern die Unterstützung der körpereigenen Anpassungsfähigkeit im Vordergrund.
Da das autonome Nervensystem eng mit mitochondrialen Prozessen verknüpft ist, kann eine verbesserte nervale Regulation indirekt auch die zelluläre Energieproduktion positiv beeinflussen. Osteopathische Behandlungen wirken damit nicht direkt auf die Mitochondrien, schaffen jedoch die physiologischen Voraussetzungen für Regeneration auf Zellebene.
Psyche, Emotion und Energie
ein untrennbares Geflecht
Erschöpfung ist niemals rein körperlich. Chronische emotionale Überforderung, unverarbeitete Stressmuster oder ein dauerhaftes Gefühl innerer Anspannung spiegeln sich auf neurobiologischer und zellulärer Ebene wider. Gleichzeitig beeinflusst eine reduzierte Energieverfügbarkeit die psychische Belastbarkeit, emotionale Stabilität und Stressverarbeitung.
Die psychologische und komplementäre Medizin verbindet genau diese Ebenen: Nervensystem, Immunantwort, Hormonregulation und subjektives Erleben. Aktuelle Forschung unterstreicht, dass psychische Belastungen mitochondriale Signalwege beeinflussen und umgekehrt (Picard & McEwen, 2018).
Verschiedene therapeutische Ansätze, die emotionale Verarbeitung, Stressregulation und innere Sicherheit fördern, sind daher ein wesentlicher Bestandteil einer ganzheitlichen Begleitung.
Heilung und Regeneration sind immer ganzheitliche Prozesse.
Fazit
Energie entsteht im Dialog
Mitochondrien reagieren sensibel auf das, was wir denken, fühlen, essen und erleben. Eine nachhaltige Begleitung von Erschöpfung erfordert deshalb mehr als die Behandlung einzelner Symptome. Sie braucht präzise Diagnostik, eine individuell abgestimmte Therapie, gezielte Nährstofftherapie, die Regulation des Nervensystems sowie unterstützende Verfahren, die Bewegung, Atmung, Schlaf und psychische Stabilität berücksichtigen.
Energie ist kein isolierter Wert.
Sie entsteht im Dialog zwischen Körper, Geist und Umwelt.
Literatur (Auswahl)
Picard, M., Wallace, D. C., & Burelle, Y. (2016). The rise of mitochondria in medicine. Mitochondrion, 30, 105–116. https://doi.org/10.1016/j.mito.2016.07.003
Picard, M., & McEwen, B. S. (2018). Psychological stress and mitochondria: A systematic review. Psychosomatic Medicine, 80(2), 141–153. https://doi.org/10.1097/PSY.0000000000000545
Gvozdjáková, A., Kucharská, J., & Dubravicky, J. (2015). Mitochondrial dysfunction in fatigue syndromes. Neuro Endocrinology Letters, 36(4), 345–352.
Über die Autorin
Alexandra Buchmann ist Heilpraktikerin und spezialisiert auf funktionelle Medizin und Osteopathie. In ihrer Praxis in Wentorf begleitet sie Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Lebensqualität.
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