Referenzwert ≠ Optimalwert
Vitamin D
Der Januar hat uns in diesem Jahr lange graue Tage, viel Schnee und wenig Sonnenlicht gebracht. Viele Menschen berichten in dieser Zeit über zunehmende Müdigkeit, eine höhere Infektanfälligkeit oder eine gedrückte Stimmung. Jetzt, wo sich zwischendurch endlich wieder sonnige Tage zeigen, spüren manche bereits eine leichte Veränderung ihres Befindens. Mehr Energie, etwas bessere Stimmung oder einfach das Gefühl, dass der Körper aufatmet.
Genau hier beginnt die Bedeutung von Vitamin D.
Vitamin D ist mehr als ein Vitamin
Vitamin D wird zwar als Vitamin bezeichnet, erfüllt im menschlichen Körper jedoch die Funktion eines Hormons. Es wird überwiegend über die Haut durch Sonnenlicht gebildet und anschließend in Leber und Niere aktiviert. Erst dann kann es seine vielfältigen Wirkungen entfalten.
Vitamin D Rezeptoren finden sich in nahezu allen Geweben des Körpers. Dazu zählen das Immunsystem, das Nervensystem, die Muskulatur, das Herz Kreislauf System sowie hormonell aktive Organe wie Eierstöcke und Gebärmutter. Aus funktionell medizinischer Sicht ist Vitamin D damit ein zentraler Regulationsfaktor, der zahlreiche Systeme gleichzeitig beeinflusst.
Was sagt der Laborwert wirklich aus
Im Labor wird in der Regel das sogenannte 25 Hydroxy Vitamin D gemessen. Der Referenzbereich liegt häufig zwischen 20 und 60 ng ml. Viele Patientinnen und Patienten erhalten bei einem Wert über 20 die Rückmeldung, dass kein Mangel vorliege.
Diese Einschätzung orientiert sich jedoch an statistischen Referenzwerten und nicht an optimaler biologischer Funktion. Referenzwerte beschreiben, wo ein Großteil der Bevölkerung liegt. Da insbesondere im Winter ein erheblicher Teil der Bevölkerung suboptimal mit Vitamin D versorgt ist, sind auch diese Referenzbereiche entsprechend niedrig angesetzt.
Studien zeigen, dass viele positive Effekte von Vitamin D auf das Immunsystem, die Muskelkraft und die Entzündungsregulation erst bei höheren Spiegeln auftreten. In der funktionellen Medizin werden daher häufig Zielbereiche zwischen 40 und 60 ng ml diskutiert, immer angepasst an die individuelle Situation.
Vitamin D im Winter
In unseren Breitengraden ist die körpereigene Vitamin D Bildung zwischen Oktober und März stark eingeschränkt. Selbst an sonnigen Wintertagen steht die Sonne meist zu tief, um eine ausreichende Synthese über die Haut zu ermöglichen.
Viele Menschen starten daher bereits im Herbst mit sinkenden Vitamin D Spiegeln und erreichen im Winter ihre niedrigsten Werte. Häufig bleibt dies lange unbemerkt. Beschwerden wie Erschöpfung, erhöhte Infektanfälligkeit, Muskel oder Gelenkschmerzen oder auch eine gedrückte Stimmung werden oft als typische Begleiterscheinungen der dunklen Jahreszeit hingenommen.
Auch hier zeigt sich, dass ein Laborwert im Referenzbereich nicht zwangsläufig bedeutet, dass der Körper optimal versorgt ist.
Vitamin D in der funktionellen Medizin
In der funktionellen Medizin wird Vitamin D nie isoliert betrachtet. Neben dem gemessenen Wert spielen Symptome, Jahreszeit, Lebensstil, Entzündungsprozesse und der Magnesiumstatus eine wichtige Rolle.
Magnesium ist für die Aktivierung von Vitamin D notwendig. Ein steigender Vitamin D Spiegel im Labor bedeutet daher nicht automatisch, dass Vitamin D im Körper auch wirksam ist. Ohne ausreichendes Magnesium kann es funktionell wirkungslos bleiben.
Eine große Metaanalyse im British Medical Journal zeigte, dass eine ausreichende Vitamin D Versorgung mit einer Reduktion von Atemwegsinfekten assoziiert ist, insbesondere bei Menschen mit niedrigen Ausgangswerten. Diese Daten unterstreichen den präventiven Stellenwert einer funktionellen Betrachtung.
Bedeutung in der Frauenheilkunde
Vitamin D spielt auch in der Frauenheilkunde eine relevante Rolle. Vitamin D Rezeptoren finden sich in den Eierstöcken, im Endometrium und in der Plazenta. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dem Vitamin D Status und der Zyklusregulation, PMS Beschwerden, dem polyzystischen Ovarsyndrom sowie der Fruchtbarkeit.
Ein Übersichtsartikel im International Journal of Endocrinology beschreibt Vitamin D als wichtigen Modulator der weiblichen Hormonbalance und der reproduktiven Gesundheit. Gerade bei hormonellen Beschwerden lohnt sich daher ein genauer Blick auf den Vitamin D Status jenseits des reinen Grenzwerts.
Vitamin D und Longevity
Auch im Bereich der Longevity gewinnt Vitamin D zunehmend an Bedeutung. Niedrige Vitamin D Spiegel werden mit Muskelschwäche, erhöhter Sturzgefahr, kardiovaskulären Risiken und chronischen Entzündungsprozessen in Verbindung gebracht.
Eine Metaanalyse im American Journal of Clinical Nutrition zeigt, dass ein ausreichender Vitamin D Status mit einer reduzierten Gesamtmortalität assoziiert ist. Longevity bedeutet dabei nicht, einzelne Laborwerte zu maximieren, sondern langfristig stabile Regulationsprozesse zu unterstützen.
Welche Formen von Vitamin D können im Labor gemessen werden
Für die Beurteilung des Vitamin D Status ist es wichtig zu wissen, dass unterschiedliche Vitamin D Parameter unterschiedliche Aspekte des Stoffwechsels widerspiegeln.
In der Routine wird überwiegend das 25 Hydroxy Vitamin D gemessen. Dieser Wert zeigt den Speicherstatus von Vitamin D im Körper an und eignet sich am besten zur Einschätzung der langfristigen Versorgung. Er ist der zentrale Parameter in der funktionellen Medizin.
Daneben existiert die aktive Form des Vitamin D, das 1,25 Dihydroxy Vitamin D. Dieser Wert unterliegt einer sehr engen hormonellen Regulation und kann selbst bei deutlich reduziertem Vitamin D Speicher im Normbereich oder sogar erhöht liegen. Er eignet sich daher nicht zur Beurteilung der Versorgungslage im Alltag.
Die Messung von 1,25 Dihydroxy Vitamin D ist speziellen Fragestellungen vorbehalten, etwa bei Nierenerkrankungen, Störungen des Calciumstoffwechsels oder komplexen endokrinologischen Situationen. In der Vorsorge führt dieser Wert häufig eher zu Verunsicherung als zu zusätzlicher Klarheit.
Warum Kofaktoren immer mitbetrachtet werden sollten
Vitamin D entfaltet seine Wirkung nicht isoliert. Es ist Teil eines fein abgestimmten Regulationssystems, das nur dann stabil funktioniert, wenn auch die beteiligten Kofaktoren ausreichend vorhanden sind.
Magnesium ist dabei der zentrale Schlüssel. Sowohl die Umwandlung in der Leber als auch die Aktivierung in der Niere sind magnesiumabhängig. Ein Vitamin D Wert kann im Labor ansteigen, ohne dass sich klinisch eine Wirkung zeigt, wenn gleichzeitig ein funktioneller Magnesiummangel besteht.
Vitamin D beeinflusst zudem den Calcium und Phosphat Stoffwechsel. Eine isolierte Betrachtung des Vitamin D Wertes ohne Kenntnis dieser Parameter greift daher zu kurz. Auch das Parathormon spielt eine wichtige Rolle, da es bei funktionellem Vitamin D Mangel häufig ansteigt, um den Calciumspiegel stabil zu halten.
Da Vitamin D in der Leber und in der Niere aktiviert wird, sollten auch diese Organe funktionell mitgedacht werden. Einschränkungen können dazu führen, dass Vitamin D nicht ausreichend wirksam wird, obwohl der Speicherwert unauffällig erscheint.
Vitamin K ist ein weiterer wichtiger Begleitfaktor. Es unterstützt die physiologische Verteilung von Calcium im Körper und wird in der funktionellen Medizin insbesondere bei langfristiger Optimierung des Vitamin D Status konzeptionell mitberücksichtigt.
Fazit
Vitamin D ist ein klassisches Beispiel dafür, dass ein Laborreferenzwert allein keine Aussage über optimale Gesundheit zulässt. Erst die Kombination aus dem richtigen Messparameter, der Berücksichtigung relevanter Kofaktoren und der Einordnung in den individuellen Kontext erlaubt eine realistische Einschätzung von Versorgung und Wirkung.
Die funktionelle Medizin fragt nicht, ob ein Wert noch im Referenzbereich liegt, sondern ob die Voraussetzungen gegeben sind, damit Vitamin D den Körper langfristig in Gesundheit, Belastbarkeit und Balance unterstützen kann. Gerade nach einem langen Winter ist jetzt ein guter Zeitpunkt, den Vitamin D Status bewusst und differenziert zu betrachten.
Über die Autorin
Alexandra Buchmann ist Heilpraktikerin und spezialisiert auf funktionelle Medizin und Osteopathie. In ihrer Praxis in Wentorf begleitet sie Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Lebensqualität.
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